Donnerstag, 24. September 2026
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Interalpen-Hotel Tyrol: Neue Strukturen nach Missständen in der Küche

Leere Profiküche in einem österreichischen Fünfsternehotel mit glänzenden Edelstahlflächen und natürlichem Lichteinfall
Symbolbild · KI-generiert

Das Interalpen-Hotel Tyrol hat nach schweren Belästigungs- und Gewaltvorwürfen gegen Küchenmitarbeiter ein umfassendes Maßnahmenpaket umgesetzt: neue Führungskräfte, überarbeitete Schulungsprogramme und ein strukturiertes Meldesystem. Der Fall hatte das Fünfsterne-Superior-Haus in Telfs (Tirol) seit Februar 2026 unter erheblichen öffentlichen Druck gesetzt und eine breitere Debatte über Ausbildungskultur in der gehobenen Hotellerie ausgelöst.

Ein Haus mit Renommee – und sein Absturz ins Rampenlicht

Das Interalpen-Hotel Tyrol gilt als Aushängeschild des Tiroler Tourismus. Das Resort liegt in Alleinlage am Seefelder Plateau auf 1.300 Metern Seehöhe, gehört seit seiner Eröffnung 1985 zur Firmengruppe Liebherr und trägt die Klassifikation Fünfsterne-Superior – die höchste Kategorie der europäischen Hotelstars Union. In der Hauptsaison beginnen die Zimmerpreise laut dossier.at bei 590 Euro pro Person, die teuerste Suite kostet 6.500 Euro pro Nacht.

Noch im Januar 2025 wurde dem Chef’s Table des Hauses ein Michelin-Stern verliehen. Das Branchenmagazin Rolling Pin kürte das Interalpen 2025 zum „Top-Arbeitgeber“, das Land Tirol führte es auf der Liste ausgezeichneter Lehrbetriebe. Für die Liebherr-Gruppe gilt laut dossier.at ein konzernweiter Verhaltenskodex, der explizit festhält: „Persönliche Beleidigungen oder sexuelle Belästigungen werden nicht toleriert.“

Die Vorwürfe: Gewalt, Belästigung und Erniedrigung in der Küche

Im Februar 2026 veröffentlichte das Recherchemagazin Dossier eine Recherche, gestützt auf Fotos, Videos, Chats und Dokumente. Im Zentrum standen vier Männer: der vielfach ausgezeichnete Küchenchef Mario Döring sowie drei ihm unterstellte Führungskräfte.

Ehemalige Auszubildende berichteten laut dossier.at von sexueller Belästigung – darunter nächtliche Nachrichten und unangemeldete Besuche vor Mitarbeiterzimmern –, von körperlicher Gewalt wie Schlägen, Zwicken und dem Beschuss mit Spielzeugwaffen sowie von rassistischen und sexistischen Beschimpfungen. Spitznamen wie „Klößchen“ oder „fette Sau“ sollen zum Alltag gehört haben, Aussagen wie „Lehrlinge sind Maden“ als Standard gegolten haben. Mutmaßlicher Alkoholkonsum am Arbeitsplatz wurde ebenfalls dokumentiert.

Lehrlinge, die sich laut dossier.at zunächst direkt an Küchenchef Döring wandten, wurden demnach nicht ernst genommen – ihre Beschwerden wurden teilweise als „zickig“ abgetan. Ein beschuldigter Mitarbeiter war laut Dossier noch bis Anfang Jänner 2026 im Betrieb tätig, rund drei Monate nach einer Beschwerde einer Lehrling, die den Betrieb daraufhin verlassen hatte. Drei Lehrlinge wandten sich an die Arbeiterkammer Tirol; ihre Lehrverhältnisse wurden laut ORF Tirol gelöst. Strafrechtliche Ermittlungen waren zum Berichtszeitpunkt nicht bekannt, für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Sofortige Konsequenzen: Alle vier Beschuldigten mussten gehen

Die Geschäftsführung des Hotels – Karl Brüggemann und Martin Rotter – reagierte nach Bekanntwerden der Vorwürfe mit der Trennung von allen vier beschuldigten Mitarbeitern. Das Arbeitsverhältnis mit Küchenchef Döring wurde laut ORF Tirol aufgelöst, weil er „seiner Führungsverantwortung nicht vollumfänglich nachgekommen“ sei. Die gegen ihn persönlich vorgebrachten Vorwürfe wegen sexueller Belästigung könnten laut interner Aufarbeitung „zurückgewiesen werden“, wie tophotel.de berichtete.

Als weiteres Signal gab das Interalpen-Hotel das Prädikat „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ in Rücksprache mit der Arbeiterkammer Tirol zurück. Das Land Tirol führt das Haus laut heute.at für die Periode 2026 bis 2028 erstmals seit Jahren nicht mehr auf der entsprechenden Auszeichnungsliste – nachdem das Prädikat von 2017 bis 2025 ununterbrochen verliehen worden war.

Politisch zog der Fall rasch Reaktionen nach sich. Tourismuslandesrat Mario Gerber (ÖVP) betonte laut meinbezirk.at: „Die im Raum stehenden Vorwürfe wiegen schwer und müssen restlos aufgeklärt werden.“ Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner erklärte, sexuelle Belästigung, Erniedrigung und Machtmissbrauch seien „in jeder Form entschieden zu verurteilen und ganz besonders, wenn sie junge Menschen in Ausbildung betreffen.“

Neues Führungsteam, neue Kultur: Was das Hotel konkret verändert hat

Nach der regulären Saisonpause von Mitte März bis Anfang Mai 2026 öffnete das Interalpen-Hotel mit einem neu besetzten Küchenteam. Neuer Küchenchef ist Daniel Senst, der bereits zwischen 2015 und 2020 als Sous-Chef und stellvertretender Küchenchef im Haus tätig war und danach in verschiedenen Führungspositionen in der österreichischen Spitzengastronomie arbeitete. Unterstützt wird er von Matthias Hendl, der den Chef’s Table verantwortet, sowie von Chef Patissier Manfred Löschl. Das neue Führungstrio soll laut Hotel eine „werteorientierte Arbeitsumgebung“ sicherstellen.

Parallel dazu hat das Hotel sein Schulungs- und Onboarding-Programm überarbeitet. Zu den konkreten Maßnahmen, die tophotel.de dokumentiert, zählen:

  • Zwei Workshops für die gesamte Belegschaft, gestaltet in Begleitung der österreichischen Gleichbehandlungsanwaltschaft, zur internen Aufarbeitung der Vorfälle.
  • Intensive Kleingruppenschulungen für Auszubildende und Führungskräfte, geleitet von einem externen Führungskräfte- und Lehrlingstrainer sowie einer externen Coachin und Arbeitspsychologin.
  • Ein wiederkehrendes Workshopformat für Lehrlinge unter dem Titel „Lernen aus der Vergangenheit: Mit Weitblick Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit mit Nachwuchskräften definieren“, das erstmals im Herbst 2026 durchgeführt werden soll.
  • Eine Zusatzschulung mit dem Schwerpunkt „Diversität und Diskriminierung“, die künftig jeden Herbst im regulären Ausbildungsprogramm verankert sein soll.

Ergänzt wird das Paket durch ein überarbeitetes Meldesystem: Mitarbeitende sollen Vorfälle jederzeit vertraulich und niedrigschwellig melden können. Zudem richtet das Hotel einen vierteljährlichen Austausch zwischen Lehrlingen und einer ausgebildeten Coachin ein, die als Vertrauensperson fungiert.

Was bedeutet das für die Branche

Der Fall Interalpen ist kein isoliertes Ereignis. Er zeigt, dass strukturelle Probleme in Ausbildungsverhältnissen auch in Häusern der Spitzenhotellerie entstehen können – und dass externe Auszeichnungen wie „Top-Arbeitgeber“ oder „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ keine inhärente Schutzwirkung entfalten. Für Hoteliers und Personalverantwortliche in der DACH-Region bedeutet das: Beschwerdemechanismen müssen nicht nur existieren, sondern auch gelebte Praxis sein. Der dokumentierte Zeitverzug von rund drei Monaten zwischen einer Beschwerde und der Trennung von einem beschuldigten Mitarbeiter dürfte in der Branche als warnendes Beispiel diskutiert werden.

Bemerkenswert ist, dass das Interalpen-Hotel mit der Einbindung der Gleichbehandlungsanwaltschaft und einer externen Arbeitspsychologin auf institutionell verankerte Strukturen setzt – und nicht auf interne Lösungen allein. Ob dieser Ansatz eine nachhaltige Kulturveränderung bewirkt, wird sich erst mittelfristig zeigen. Die Entscheidung, das Prädikat „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ proaktiv zurückzugeben, ist dabei ein ungewöhnlicher, aber nachvollziehbarer Schritt: Er signalisiert, dass der Anspruch und die Realität auseinandergefallen waren – und dass das Haus diesen Widerspruch zumindest öffentlich anerkennt.

Für die gesamte Hotellerie gilt: Lehrlinge sind eine besonders vulnerable Gruppe im Betrieb. Sie befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, kennen ihre Rechte oft nicht und scheuen häufig den Weg zu externen Stellen wie der Arbeiterkammer. Niedrigschwellige, anonyme Meldewege und regelmäßige externe Begleitung sind kein Luxus – sie sind ein Qualitätsmerkmal verantwortungsvoller Ausbildungsbetriebe.

Quellen

Beiträge aus der Redaktion von das Hotellerie.