Novum stellt Garner Hotel Rüsselsheim sofort ein
Novum Hospitality hat den Betrieb des Garner Hotel Rüsselsheim mit sofortiger Wirkung eingestellt. Der Fall reiht sich in eine Serie von Turbulenzen ein, die das Pachtmodell des Konzerns unter Druck zeigen.

Novum Hospitality hat den Betrieb des Garner Hotel Rüsselsheim mit sofortiger Wirkung eingestellt. Das meldet die AHGZ am 24. Juli 2026. Zu Grund, betroffenen Beschäftigten oder einem gekündigten Pachtvertrag ist über die Titelzeile hinaus nichts belegt, eine zweite unabhängige Quelle zum Rüsselsheimer Fall fehlt.
Das Haus ist real und dokumentiert. Es lief zunächst als Columbia Hotel, dann als Novum Select Hotel Rüsselsheim und firmiert heute als Garner Hotel Rüsselsheim in der IHG-Marke Garner. Novum übernahm das damalige Columbia-Objekt nach eigenen Angaben mit 151 Zimmern, IHG nennt ebenfalls 151, die englische Novum-Seite und Hotels.com sprechen von 146. Die Zahlen widersprechen sich, und der Betriebsstatus lässt sich aus Buchungsportalen nicht ableiten.
Die Meldung steht nicht allein. Der Konzern durchläuft seit Monaten sichtbare Turbulenzen. Der am besten dokumentierte Fall spielt jedoch nicht in Rüsselsheim, sondern in Mainz.
Der Präzedenzfall Mainz
Ende Juni 2026 kündigte Novum in zwei Mainzer Häusern, dem Garner Hotel Mainz-Bretzenheim und dem Holiday Inn – the niu Mood Mainz, allen rund 50 Beschäftigten fristlos und ersetzte sie durch Leiharbeitskräfte. Als Begründung nannte das Unternehmen laut Hotel vor9 „dringende betriebliche Erfordernisse“, ohne diese zu konkretisieren.
Die Gewerkschaft NGG berichtete von wachsendem Interesse an Betriebsratsgründungen in Novum-Häusern im Rhein-Main-Gebiet und von Widerstand des Unternehmens. Auf Aufrufe zu Tarifverhandlungen an zwei Standorten habe Novum nicht reagiert. Geschäftsführerin Samira Etmenan wies gegenüber Hotel vor9 den Vorwurf zurück, die personellen Maßnahmen hätten der Verhinderung eines Betriebsrats gedient. Die bisherige Berichterstattung vermittle „kein vollständiges Bild der tatsächlichen Sachlage“, so Etmenan.
Rund drei Wochen nach den Kündigungen kam es laut fvw zu einer Einigung: Die meisten Betroffenen erhielten Abfindungen und stimmten einem Vergleich zu. Parallel gab Novum die Rückkehr in den Hotelverband IHA und die Dehoga-Landesverbände bekannt. Die betroffenen Häuser wären damit wieder tarifgebunden.
Das Pachtmodell als Ballast
Um die Häufung zu verstehen, lohnt der Blick auf die Wachstumsstrategie. Laut WirtschaftsWoche hielt CEO David Etmenan Gewinne im Unternehmen, ließ familienfremde Anteilseigner außen vor und investierte fortlaufend in neue Pachtverträge. Das Portfolio wuchs zeitweise um bis zu gut 20 Häuser pro Jahr. Genau diese Verträge wurden zum Problem: Sie verschlingen laut WiWo im Schnitt dreimal so viel Geld wie die Tilgung eines Immobilienkredits aus der Niedrigzinsphase. In der Pandemie stützte der Staat den Betreiber mit 45 Millionen Euro.
Die Neuausrichtung läuft über IHG. Die Kooperationsvereinbarung von April 2024 mit 30 Jahren Laufzeit überführt Yggotel, Select Hotels und Novum Hotels in die Marke Garner, acora Living the City wechselt zu Candlewood Suites. Novum hat nach eigenen Angaben rund 25 Millionen Euro in das Rebranding investiert, weitere 25 Millionen sollen 2026 und 2027 folgen. Zugleich verschiebt der Konzern Betriebe zwischen eigenen Gesellschaften: Zum 1. Mai 2026 ging der Betrieb eines Münchner Hauses von der Hotels by HR München-Nymphenburg GmbH auf die Novum Hotels Ost GmbH über.
Die Ertragslage wirkt dabei nicht wie die eines Sanierungsfalls. Laut Tophotel erzielte Novum 2024 Gesamterlöse von 471,2 Millionen Euro, ein Plus von rund 13 Prozent, bei einem EBITDA von 82,2 Millionen Euro und einem RevPAR – Umsatz pro verfügbarem Zimmer – von 60,5 Euro. Der Druck kommt also weniger aus der Auslastung als aus der Kostenseite der Pachten.
Was das für Pächter im DACH-Raum heißt
Der Fall zeigt, wie eng der Handlungsspielraum wird, wenn indexierte Pachten auf moderate Zimmerpreise treffen. Laut einer von Tophotel zitierten Erhebung von Select Hotel Consulting rechneten 62 Prozent der Betreiber für 2025 mit einer Pachterhöhung, die Pacht macht im Schnitt 22 Prozent des Umsatzes aus. Bei 74 Prozent der befragten Unternehmen liegt die Restlaufzeit der Verträge bei über zehn Jahren. Wer aussteigen will, sitzt also lange fest.
Zwei Punkte sind für den eigenen Betrieb konkret. Erstens die rechtliche Realität: Eine fristlose Kündigung eines Pachtvertrags setzt laut ra-kotz.de einen wichtigen Grund voraus, der die Fortsetzung unzumutbar macht. Reiner Kostendruck genügt in der Regel nicht. Wer über Ausstiegsszenarien nachdenkt, prüft besser die Klauseln zu Indexierung, Umsatzpacht und Sonderkündigung, bevor Personalfragen überhaupt aufkommen. Zweitens die Personalseite: Der Mainzer Verlauf mit fristlosen Kündigungen, Leiharbeit und anschließendem Abfindungsvergleich verursachte erst öffentlichen Schaden und dann Kosten. Die Rückkehr in IHA und Dehoga liest sich wie eine Korrektur.
Das Marktumfeld verschärft die Lage. Laut IHA-Branchenreport stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Beherbergungsgewerbe 2025 um 40,1 Prozent und lag über Vorkrisenniveau, trotz eines Übernachtungsrekords von 497,4 Millionen. Die Zimmerauslastung kletterte laut Dehoga Bayern auf 68,1 Prozent, doch der Netto-Zimmerpreis gab um 2,8 Prozent auf 109 Euro nach, der RevPAR sank auf 74 Euro. Steigende Kosten bei stagnierenden Raten sind für Pächter mit langlaufenden Verträgen die eigentliche Belastungsprobe. Ob Rüsselsheim in diese Kette gehört, ist bis zu einer zweiten Quelle offen.
Quellen
- AHGZ – Novum Hospitality stellt Hotelbetrieb in Rüsselsheim mit sofortiger Wirkung ein
- Novum Hospitality – Unternehmens- und Standortangaben
- IHG – Garner Hotel Rüsselsheim (Zimmer- und Lageangaben)
- Novum Hotels – Rüsselsheim (Zimmer- und Tagungsangaben)
- Wikipedia – Novum Hospitality (Umsatzentwicklung, Mainz-Kündigungen)
- Hotel vor9 – Mainz: fristlose Kündigungen, NGG-Konflikt, Novum-Statement
- reisevor9 – Statement Samira Etmenan
- fvw – Einigung und Vergleich in Mainz, Rückkehr in IHA/Dehoga
- WirtschaftsWoche – Pachtmodell, staatliche Stützung, Wachstumsstrategie
- Tophotel – Geschäftsjahr 2024 und Pacht-Erhebung Select Hotel Consulting
- Hogapage – Kennzahlen Geschäftsjahr 2023
- Hotelier.de – IHG-Rebranding, Investitionen und Pipeline
- Dehoga Bayern – Marktkennzahlen 2025 (Auslastung, ADR, RevPAR)
- Dehoga Hamburg / IHA – Insolvenzen und Übernachtungsrekord 2025
- Gastgewerbe-Magazin – Kostenstruktur und indexierte Mietverträge
- ra-kotz.de – Rechtsrahmen fristlose Kündigung von Pachtverträgen


