Donnerstag, 24. September 2026
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Gastgewerbe: 49,2 Insolvenzen je 10.000 Betriebe

1.995 beantragte Firmeninsolvenzen im Mai, ein Minus von 2,0 Prozent – doch das Gastgewerbe liegt mit 49,2 Fällen je 10.000 Betriebe weit über dem gesamtwirtschaftlichen Wert von 29,8.

Hotelangestellte prüft im Büro einen Papierstapel mit Rechnungen, Rückansicht, ungleichmäßiges Licht
Symbolbild · KI-generiert

1.995 beantragte Unternehmensinsolvenzen im Mai 2026, ein Minus von 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat: Zum ersten Mal seit Februar meldet das Statistische Bundesamt wieder einen Rückgang. Von Creditreform bis DIHK winken die Fachleute ab. Für das Gastgewerbe, das nach der amtlichen Statistik die zweithöchste Insolvenzhäufigkeit aller Branchen trägt, taugt der Mai-Wert nicht als Entwarnung.

Der Mai-Wert im Detail

Laut Destatis registrierten die deutschen Amtsgerichte im Mai 1.995 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Der letzte Rückgang datierte auf Februar mit minus 1,0 Prozent. Der kumulierte Blick auf die ersten fünf Monate zeigt in die Gegenrichtung: 10.546 beantragte Verfahren von Januar bis Mai, ein Plus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Forderungen der Gläubiger aus diesen Verfahren beziffern die Gerichte auf rund 15,4 Milliarden Euro, nach rund 25,7 Milliarden im Vorjahreszeitraum.

Wichtiger als die einzelne Prozentzahl ist der statistische Nachlauf. Anträge fließen erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik ein. Der tatsächliche Antragszeitpunkt liegt laut Destatis in vielen Fällen annähernd drei Monate früher. Der Mai-Wert bildet damit faktisch Anträge aus etwa Februar ab. Wer den Rückgang als aktuelles Stimmungsbild liest, sitzt einem Zeitversatz auf.

Warum ein Monat keine Trendwende macht

Der Mai bricht eine Aufwärtsserie, und zwar nur schwach. Der Monatsverlauf 2026 nach Destatis-Angaben: Januar plus 4,9 Prozent, Februar minus 1,0 Prozent, März plus 15,8 Prozent, April plus 7,1 Prozent, Mai minus 2,0 Prozent. Auf eine mehrmonatige Zunahme folgt ein leichter Rücksetzer, mehr nicht.

Die Basis, auf der dieser Rückgang stattfindet, liegt hoch. Im Gesamtjahr 2025 stieg die Zahl der beantragten Firmeninsolvenzen laut Statistischem Bundesamt um gut zehn Prozent auf 24.064 Fälle, den höchsten Stand seit 2014. Bereits 2023 und 2024 hatte die Zahl der Firmenpleiten jeweils um mehr als 20 Prozent zugelegt. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform meldet für das erste Halbjahr 2026 rund 12.900 Firmeninsolvenzen, den höchsten Halbjahreswert seit 2013. Der Höhepunkt der Pleitewelle sei laut Creditreform noch nicht erreicht.

Trendumkehr frühestens 2027

Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, rechnet nicht mit einer baldigen Entspannung. Eine Trendumkehr sei, wenn überhaupt, erst 2027 realistisch, so Hantzsch laut dpa, „und dann wahrscheinlich auch erst im späteren Jahresverlauf“.

DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov ordnet das Niveau ein:

„Insolvenzen gehören zur Marktwirtschaft. Das aktuelle Ausmaß muss uns jedoch alarmieren. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben so viele Betriebe Insolvenz angemeldet wie seit 2014 nicht mehr.“

Rein rechnerisch melde in Deutschland alle 20 Minuten ein Betrieb Insolvenz an, so die DIHK. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle spricht mit Blick auf den Juli von einem „außergewöhnlich hohen Niveau“ und verweist auf Frühindikatoren, die für die kommenden Monate weiter sehr hohe Insolvenzzahlen erwarten lassen.

In Österreich schlägt Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz, einen ähnlichen Ton an. Der leichte Rückgang bei den Fallzahlen sei „zumindest ein positiver Funke“, zugleich sei es „deutlich zu früh, von einer Trendumkehr zu sprechen, zumal gerade in den vergangenen Wochen neue Krisenherde aufgetreten sind“. In der Schweiz sieht Dun & Bradstreet den starken Anstieg der Firmenkonkurse 2025 laut Country Lead Marianne Bregenzer „in erster Linie als Ausdruck einer politisch gewollten Marktbereinigung und weniger einer konjunkturellen Verschlechterung“.

Das Gastgewerbe steht schlechter da als der Durchschnitt

Für Hoteliers ist die Branchenaufschlüsselung entscheidender als der Gesamtwert. Bezogen auf 10.000 Unternehmen zählte Destatis von Januar bis Mai 2026 gesamtwirtschaftlich 29,8 Insolvenzen. Das Gastgewerbe kommt auf 49,2 Fälle je 10.000 Unternehmen und liegt an zweiter Stelle, hinter Verkehr und Lagerei mit 57,2. Das Baugewerbe folgt mit 44,0.

Der DEHOGA-Zahlenspiegel bestätigt die Dynamik: 466 beantragte Insolvenzverfahren im Gastgewerbe für Januar bis Februar 2026, ein Plus von 17,0 Prozent gegenüber Vorjahr, während die Gesamtwirtschaft in diesem Zeitraum um 1,9 Prozent zulegte. Im Schlussquartal 2025 klaffte die Lücke noch weiter, mit plus 25,8 Prozent im Gastgewerbe gegenüber plus 11,0 Prozent gesamtwirtschaftlich.

Die Ertragsklemme dahinter zeigt sich in den Umsatzzahlen. Im ersten Quartal 2026 lag der reale, also preisbereinigte Umsatz im Gastgewerbe laut DEHOGA um 5,1 Prozent unter dem Vorjahresquartal. Die Preise für Gaststättendienstleistungen stiegen seit Januar 2022 um 28,2 Prozent, die Kosten für Lebensmittel, Getränke und Energie teils um über 30 Prozent. Die Übernachtungszahlen wuchsen zwar, von Januar bis März 2026 auf 86,6 Millionen und damit plus 2,4 Prozent, doch die Menge federt den Kostendruck nicht ab.

Was das für Investitions- und Restrukturierungsentscheidungen heißt

Wer aktuell über Investitionen nachdenkt, sollte den Mai-Rückgang nicht als grünes Licht lesen. Die Zahl bildet Anträge aus dem Frühjahr ab, steht auf einem Rekordniveau und wird von keinem der zitierten Institute als Wendepunkt gedeutet. Für das Tagesgeschäft heißt das: Kalkulationen sollten weiter mit hohem Kostendruck und knappen Margen rechnen, nicht mit Entspannung.

Das Nadelöhr ist die Ertragslage. Die BWH Hotels meldeten für das erste Halbjahr 2026 eine Auslastung von 57,0 Prozent nach 54,8 Prozent, während die durchschnittliche Tagesrate (ADR, erzielter Zimmerpreis) angesichts des Preisdrucks um 2,1 Prozent auf 108,12 Euro fiel. Der RevPAR (Umsatz pro verfügbarem Zimmer) legte dennoch von 60,52 auf 61,63 Euro zu, getragen von Belegung statt Preis. Genau diese Konstellation, steigende Menge bei sinkendem Preis und hohen Kosten, drückt auf den Betriebsgewinn.

Für Restrukturierungen zählt der Zeitfaktor. Der Versatz zwischen Antrag und Statistik bedeutet, dass laufende Verfahren erst mit Verzögerung sichtbar werden. Wer Liquiditätsengpässe früh erkennt, hat mehr Handlungsspielraum, bevor der Antrag unausweichlich wird. Deloitte-Partner Andreas Kapferer verweist auf die Erwartungshaltung der Branche: Fast jeder zweite Betrieb rechne für die kommenden Monate mit einer weiteren Verschlechterung, kein einziges Unternehmen mit einer wesentlichen Verbesserung. Der eine schwache Rückgang im Mai ändert daran nichts.

Quellen

Beiträge aus der Redaktion von das Hotellerie.