Dänemark wächst um 1–2 % – Schleswig-Holstein verliert 9,2 %
7,5 Mio. deutsche Übernachtungen in Dänemark klingen nach Abwanderung – doch Schleswig-Holstein schrumpft aus anderen Gründen. Die Zahlen im Vergleich.

Dänemark zählte im ersten Halbjahr 2026 mehr als 7,5 Millionen deutsche Übernachtungen, nach rund 7,4 Millionen im Vorjahreszeitraum. Das ist ein Plus von ein bis zwei Prozent. Die Meldung vom „boomenden“ Nachbarland stammt vom dänischen Statistikamt und lief über eine dpa-Meldung breit, unter anderem bei t-online, im Tagesspiegel und bei onvista. Wer daraus eine Fluchtbewegung deutscher Gäste aus den heimischen Küsten ableitet, verwechselt zwei Entwicklungen, die zeitlich zusammenfallen, sonst aber nichts miteinander zu tun haben.
Was die Zahlen aus Kopenhagen tatsächlich sagen
Dänemark verbuchte im ersten Halbjahr rund 26 Millionen Übernachtungen, nach etwa 25,5 Millionen im Vorjahr. Knapp die Hälfte davon entfällt auf Inländer. Unter den ausländischen Gästen stellen die Deutschen weiter die größte Gruppe. Die Trendrichtung bei den Ferienhäusern hat sich verschoben: Laut dänischem Statistikamt gab es allein im Januar 2026 mehr als zwei Millionen Übernachtungen, ein Plus von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Einzelmonat wächst also stärker als das Halbjahr.
Lars Bertolt Winther, Tourismus-Chef beim Wirtschaftsverband Dansk Industri, ordnete das gegenüber der Agentur Ritzau ein: Neben den Deutschen kämen auch Gäste aus Norwegen und Schweden nach schwächeren Jahren zurück. Von einer Verschiebung deutscher Nachfrage weg von der DACH-Region spricht in der gesamten Quellenlage niemand.
Warum der Boom bei den Deutschen kaum einer ist
Für ein starkes Volumenwachstum fehlt Dänemark die Kapazität. Rund 200.000 Ferienhäuser gibt es im Land, eine Zahl, die laut dpa seit Jahren nahezu unverändert bleibt. In den vergangenen fünf Jahren kamen nur rund 2.000 Neubauten hinzu, weil die Hürden für Genehmigung und Bau hoch sind. Das Ergebnis ist Verknappung, nicht Expansion.
Die deutsch-dänische Maklerin Lena Schmüser beschreibt gegenüber dpa, wie sich der Markt gedreht hat: Ein Sommerhaus an der Westküste habe früher problemlos zwei Jahre zum Verkauf stehen können, inzwischen gingen die Objekte „superschnell“ weg. Wer als deutscher Betrieb annimmt, an ein grenzenloses dänisches Angebot Gäste zu verlieren, überschätzt den Wettbewerber. Die dänische Nordsee gilt zudem als teuer: Restaurantpreise, Anreise und die beliebten Hotspots treiben die Kosten. Die deutsche Nordsee punktet mit Nähe und günstigerer Gastronomie.
Wo es wirklich einbricht: die deutschen Küstenländer
Das eigentliche Problem liegt nicht in Kopenhagen, sondern in Kiel und Schwerin. Schleswig-Holstein kam laut Statistikamt Nord 2025 auf ein Rekordjahr mit 9,69 Millionen Gästen und 38,58 Millionen Übernachtungen. 2026 kippt das Bild: In den ersten vier Monaten lagen die Übernachtungen um 9,2 Prozent und die Ankünfte um 9,7 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Axel Strehl, Präsident des DEHOGA Schleswig-Holstein, sagte der Bild-Zeitung: „So ein schlimmes Jahr habe ich noch nicht erlebt.“
In Mecklenburg-Vorpommern sanken die Übernachtungen von Januar bis April um 1,6 Prozent gegenüber 2025 und um 3,4 Prozent gegenüber 2019. Der April brach besonders ein: 619.000 Ankünfte (minus 7,7 Prozent) und 2,23 Millionen Übernachtungen (minus 10,2 Prozent), verstärkt durch die Lage der Osterferien. Bundesweit hält Deutschland dagegen mit 223,8 Millionen Übernachtungen im ersten Halbjahr das Rekordniveau, ein Plus von 0,3 Prozent laut Destatis (Veröffentlichung 11. August 2026). Der Rückgang ist also regional, nicht national. Im Juni allerdings kam ein Dämpfer: minus 2,9 Prozent gesamt, minus 3,6 Prozent bei Inlandsgästen.
Die Krise ist älter als die dänische Zahl
Der Einbruch an der Ostsee begann vor dem aktuellen Dänemark-Bericht. Bereits Ende 2025 schlossen langjährige Familienbetriebe wie das „Usedom Palace“ und der „Scheelehof“. DEHOGA-MV-Präsident Lars Schwarz beziffert die strukturelle Schwäche: Im Vergleich zu 2019 seien die Umsätze im ersten Halbjahr 2025 um 17,4 Prozent eingebrochen. Als Wettbewerber nennt Schwarz ausdrücklich nicht Dänemark, sondern das eigene Nachbarland und die Kreuzfahrtbranche: „Schleswig-Holstein ist ein ernstzunehmender Mitbewerber und auch die Kreuzfahrtbranche zieht Gäste ab.“
Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft führt die eingetrübte Konsumlaune und schlechte Verkehrsverbindungen als Belastungsfaktoren an. Die Diagnose lautet: Kaufzurückhaltung und Binnenwettbewerb, nicht Abwanderung nach Skandinavien.
Und der Alpenraum? Deutsche Gäste legen dort zu
Wäre die Abfluss-These richtig, müssten Österreich und die Schweiz bei deutschen Gästen ebenfalls verlieren. Das Gegenteil trifft zu. Österreich verbuchte laut Statistik Austria im ersten Halbjahr 76,93 Millionen Nächtigungen, ein Plus von 1,0 Prozent. Die deutschen Gäste, die 2024 für 35,9 Prozent aller österreichischen Übernachtungen standen, wuchsen im Mai und Juni um 2,8 Prozent auf 8,26 Millionen Nächtigungen. In der Schweiz stiegen die Logiernächte deutscher Gäste im Mai laut Bundesamt für Statistik um 6,2 Prozent, obwohl die Schweizer Hotellerie im Halbjahr insgesamt 0,7 Prozent verlor (20,3 Millionen Logiernächte).
Was das für den eigenen Betrieb heißt
Wer als Küstenbetrieb Buchungsverluste sieht, sollte sie nicht dem dänischen Ferienhaus zuschreiben. Der Wettbewerb sitzt näher: die andere deutsche Küste, die Kreuzfahrt und vor allem die Preisbereitschaft der eigenen Stammgäste. Der Juni-Einbruch bei Inlandsgästen (Destatis: minus 3,6 Prozent) trifft alle DACH-Küsten- und Stadtmärkte parallel, während die Auslandsnachfrage im selben Monat um 1,6 Prozent stieg. Für die Preisstrategie heißt das: Die Rekordbelegung von 2025 taugt nicht als Planungsbasis, wenn der Heimmarkt kurzfristiger und preissensibler bucht.
Der zweite Hebel liegt im Gästemix. Die Schweizer Zahlen zeigen, dass ein hoher Inlandsanteil in unsicheren Zeiten stabilisiert. Zürich Tourismus verweist auf über 40 Prozent Heimmarktanteil als Puffer. Betriebe, die stark von einer einzigen Herkunftsgruppe abhängen, tragen das volle Risiko einer schwachen Konsumsaison. Der dänische Fall liefert das Nebenargument: Selbst ein wachsendes Ziel wächst nur so schnell, wie es Betten hat. Kapazität ist der eigentliche Deckel, und den kann jeder Betrieb im eigenen Revenue Management (Steuerung von Preis und Verfügbarkeit) für sich nutzen, statt ihn beim Nachbarn zu fürchten.
Quellen
- ahgz – Deutsche lieben’s besonders: Dänemark boomt als Urlaubsziel (dpa)
- t-online – dpa-Meldung Dänemark-Übernachtungen H1 2026
- Tagesspiegel – dpa-Meldung Dänemark als Urlaubsziel
- onvista – dpa-AFX-Meldung Dänemark-Tourismus
- Destatis – Tourismus in Deutschland, erstes Halbjahr 2026 (11.08.2026)
- Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern – Tourismus Januar bis April 2026
- Statistikamt Nord – Tourismus Schleswig-Holstein 2025/2026
- Bild – Interview Axel Strehl, DEHOGA Schleswig-Holstein
- Bayerisches Landesamt für Statistik – Tourismus H1 2026
- Statistik Austria – Nächtigungsstatistik erstes Halbjahr 2026
- Bundesamt für Statistik (BFS) – Beherbergungsstatistik Schweiz 2025/2026
- DEHOGA Mecklenburg-Vorpommern – Statement Lars Schwarz
- Deutsche Zentrale für Tourismus – Statement Petra Hedorfer
- Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft – Lagebewertung 2026
- Zürich Tourismus – Statement Thomas Wüthrich


