Donnerstag, 24. September 2026
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Reales Minus 4,7 Prozent: Baden-Württembergs Gastgewerbe im vierten Rückgang

Vier Monate in Folge real im Minus: Das Gastgewerbe in Baden-Württemberg verlor im Juni 2026 preisbereinigt 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr – in einem der umsatzstärksten Standorte Deutschlands.

Hotelmitarbeiterin räumt Frühstücksbuffet ab, teils bestuhlt, Morgenlicht, Baden-Württemberg
Symbolbild · KI-generiert

Das Gastgewerbe in Baden-Württemberg setzte im Juni 2026 real 4,7 Prozent weniger um als im Vorjahresmonat, meldet das Statistische Landesamt. Nominal steht ein Plus von 3,0 Prozent zu Buche – die Differenz bildet nur die höheren Preise ab, nicht mehr Geschäft. Es ist der vierte Rückgang in Folge, ausgerechnet in einem der umsatzstärksten Gastgewerbe-Standorte Deutschlands.

Vier Monate im Minus – die BW-Zahlen im Detail

Der Juni ist kein Ausreißer. Laut Statistischem Landesamt lag der preisbereinigte Umsatz im März 2026 real 4,0 Prozent unter dem Vorjahresmonat, im Mai 6,5 Prozent. Bereits das Gesamtjahr 2025 schloss die Branche im Südwesten real mit minus 2,5 Prozent ab. Preisbereinigt heißt: Zieht man die gestiegenen Preise heraus, bleibt weniger tatsächlicher Absatz übrig.

Der Rückgang zieht sich durch beide Sparten. Im Juni verzeichnete die Beherbergung laut Landesamt real minus 3,9 Prozent, die Gastronomie minus 5,0 Prozent. Im Mai fielen die Werte mit minus 6,0 Prozent in der Beherbergung und minus 6,7 Prozent in der Gastronomie stärker aus. Auch die Beschäftigung reagiert: Im März lag die Zahl der tätigen Personen 1,8 Prozent unter Vorjahr.

Der Befund deckt sich mit dem Bundestrend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes setzte das deutsche Gastgewerbe im ersten Halbjahr 2026 real 5,2 Prozent weniger um als im Vorjahreszeitraum, bei einem nominalen Plus von 2,1 Prozent. Baden-Württemberg liegt damit im bundesweiten Abschwung – bemerkenswert, weil ein wirtschaftsstarkes Land keine Sonderrolle nach oben spielt.

Der ifo-Aufschwung, der im Gastraum nicht ankommt

Das ifo-Geschäftsklima, ein Stimmungsbarometer aus rund 9.000 Unternehmensmeldungen, kletterte im August 2026 um 2,1 auf 88,8 Punkte und stieg damit laut t-online den vierten Monat in Folge. VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel wird in der WirtschaftsWoche mit den Worten zitiert, die deutsche Industrie befinde sich „aller Unkenrufe zum Trotz im Aufschwung“. Das Portal experten.de spricht dagegen von konjunktureller Stabilisierung, noch nicht von einem Aufschwung.

Für die Branche zählt die Zusammensetzung des Index. Das ifo-Geschäftsklima stützt sich auf Meldungen aus Verarbeitendem Gewerbe, Bauhauptgewerbe sowie Groß- und Einzelhandel. Das Gastgewerbe taucht darin nicht auf. Der Stimmungsumschwung ist industrie- und exportgetrieben, während die Gastronomie als konsumabhängige Binnenbranche an einer anderen Konjunktur hängt. Das Bindeglied heißt Konsumzurückhaltung: Der DEHOGA Bundesverband beschreibt die Lage als „gefährliche Mischung aus massiv steigenden Kosten und spürbarer Konsumzurückhaltung“.

Kostenschere – Personal als Existenzfrage

Auf der Kostenseite steht das Personal an erster Stelle. In einer DEHOGA-Umfrage nannten 75,2 Prozent der Betriebe die Personalkosten als stärksten Druckfaktor. Der Bundesverband beziffert den Anstieg von Energie-, Lebensmittel- und Personalkosten seit Anfang 2022, auch infolge der Mindestlohnerhöhungen, auf bis zu 35 Prozent.

Im Südwesten kommt der Tarifdruck hinzu. Die Gewerkschaft NGG Südwest meldete am 13. Januar 2026 einen Tarifabschluss, in die Verhandlungen war sie mit einer Forderung von plus 14,5 Prozent gegangen. Zwei steuerliche Effekte wirken gegeneinander. Die IHK Region Stuttgart erwartet aus der Mehrwertsteuersenkung auf Speisen nur begrenzte Entlastung und keine flächendeckenden Preissenkungen für Gäste. Zugleich wirkt laut Hotelier.de die zwischenzeitliche Rückkehr zum regulären Satz nach und hat das Preisniveau dauerhaft angehoben.

Wie tief die Lücke zum Vorkrisenniveau ist, zeigt der DEHOGA-Zahlenspiegel für das erste Quartal 2026: bundesweit real minus 19,7 Prozent gegenüber 2019, bei nominal plus 12,7 Prozent.

Betriebssterben und weiße Flecken

Die Zahlen schlagen auf die Struktur durch. Laut DEHOGA Baden-Württemberg gab es 2023 noch 27.653 steuerpflichtige Betriebe im Land, 2019 waren es 30.874 – ein Rückgang um 10,4 Prozent. Damit liegt Baden-Württemberg über dem Schwund in Bayern (minus 8,7 Prozent), Hessen (minus 9,3 Prozent) und Berlin (minus 5,8 Prozent). In den ersten drei Quartalen 2025 stiegen die Gewerbeabmeldungen im Land um 8,2 Prozent, die Anmeldungen nur um 6,5 Prozent.

Die Folge sind Versorgungslücken: 138 Kommunen und damit 12,5 Prozent gelten laut DEHOGA BW als gastronomisch unterversorgt, 48 Gemeinden haben zum Stand 2024 gar keinen Betrieb mehr. Die Branche ist kleinbetrieblich geprägt: 58,5 Prozent der Betriebe erwirtschafteten 2023 einen Jahresnettoumsatz von bis zu 250.000 Euro. Solche Häuser haben wenig Puffer für die anhaltende Verlustphase, auf die DEHOGA-Präsident Guido Zöllick laut Handelsblatt-Interview mit Blick auf mehrere Verlustjahre verweist.

Was das für die Branche heißt

Wer auf die allgemeine Konjunkturerholung wartet, um über niedrigere Kosten oder höhere Nachfrage aus dem Minus zu kommen, wartet auf das falsche Signal. Der ifo-Index misst nicht das Geschäft im Gastraum. Entscheidend bleibt die interne Steuerung: Auslastung, Deckungsbeiträge pro Sitzplatz, Personaleinsatz.

Praktisch heißt das: Nominale Umsatzzuwächse sind kein Erfolgssignal, solange die realen Werte fallen. Die Preisbereinigung gehört ins monatliche Reporting. Weil die Personalkosten der dominierende Treiber sind, entscheidet die Produktivität pro Arbeitsstunde über das Ergebnis stärker als die reine Gästezahl. Und die regionale Streuung der Übernachtungen im Land zeigt, dass Standort und Quellmarktmix über die eigene Betroffenheit mitentscheiden: Der Bodensee-Hegau liegt im Plus, die Region Stuttgart laut Tourismusnetzwerk BW knapp sechs Prozent im Minus. Rückgänge aus Österreich und Spanien von jeweils rund sechs Prozent bei gleichzeitigem Plus aus der Schweiz sprechen dafür, den Marketingfokus auf stabile Herkunftsmärkte zu schärfen.

Für Häuser in der Schweiz und Österreich ist der Südwesten ein Frühindikator. Wenn selbst eine kaufkraftstarke Region den Kostendruck nicht durch Nachfrage kompensiert, ist die Entkopplung von Industriekonjunktur und Gastronomie ein strukturelles Muster, kein deutsches Sonderproblem.

Quellen

Beiträge aus der Redaktion von das Hotellerie.