Jürgen Amann verlässt Visit Berlin nach 95 Tagen
Drei Monate nach Amtsantritt ist Jürgen Amann nicht mehr Chef von Visit Berlin. Der Aufhebungsvertrag enthält zwei Monatsgehälter Abfindung – und hinterlässt den Commercial-Bereich erneut unbesetzt.

Nach rund drei Monaten im Amt verlässt Jürgen Amann Visit Berlin wieder. Der Managing Director Destination Marketing & Commercial trat am 1. Juni 2026 an, am 3. September 2026 wurde die Trennung bekannt. Laut Tagesspiegel unterzeichneten beide Seiten einen Aufhebungsvertrag, Amann erhält eine Abfindung von zwei Monatsgehältern.
Der promovierte Wirtschaftsgeograf hatte sich laut Tagesspiegel gegen mehr als 100 Bewerberinnen und Bewerber durchgesetzt. Der Aufsichtsrat wählte ihn bereits im Dezember 2025. Die vorbereitete Nachfolge ist nach einem Quartal Makulatur.
Was am Aufsichtsratstisch passiert ist
Die Chronologie ist kurz: Wahl im Dezember 2025, Amtsantritt im Juni 2026, Trennung im September 2026. Als Gründe nennt der Tagesspiegel unterschiedliche Vorstellungen zwischen dem Land und Amann über die künftige Ausrichtung von Visit Berlin. Zudem hätten einige das Betriebsklima unter seiner Führung als problematisch wahrgenommen.
Bei diesen Details ist eine Einschränkung angebracht. Sie gehen sämtlich auf eine einzige Primärquelle zurück, den Tagesspiegel. Die Deutsche Presse-Agentur bestätigte den Bericht lediglich „aus informierten Kreisen“. Es handelt sich also nicht um zwei unabhängige Recherchen, sondern um eine Recherche mit dpa-Bestätigung. Visit Berlin war laut Berliner Abendblatt zunächst nicht für Nachfragen erreichbar, auch die zuständige Senatsverwaltung für Wirtschaft wollte sich nicht äußern. Eine Aufsichtsratssitzung war dem Tagesspiegel zufolge für den 8. September angesetzt.
Der Kölner Schatten war lange bekannt
Der Auslöser lag offen, bevor der Aufhebungsvertrag kam. Bereits Mitte Juli 2026 berichtete der Tagesspiegel über ungeklärte Abrechnungen aus Amanns Zeit bei KölnTourismus, das er seit Februar 2020 und damit mehr als sechs Jahre geführt hatte. Das Rechnungsprüfungsamt Köln befasste sich laut HOGAPAGE mit dem Fall. Im Fokus standen demnach Zahlungen mit der Firmenkreditkarte sowie Fahrten, Einladungen und Eintrittskarten. Eine Entlastung durch den Kölner Aufsichtsrat gab es nicht, der Jahresabschluss blieb offen.
In Berlin hielt der Aufsichtsratsvorsitzende Oliver Schumacher zunächst an Amann fest. „Wir nehmen die Vorwürfe ernst. Von Herrn Amann erwarten wir eine zügige und restlose Aufklärung“, sagte er Mitte Juli dem Tagesspiegel. Zwischen dieser Ansage und der Trennung lagen rund sieben Wochen. Visit Berlin firmiert als landeseigenes Unternehmen, die Berlin Tourismus & Kongress GmbH. Das erklärt, warum ein Kölner Rechnungsprüfungsamt zuständig war und warum der Vorgang politische Aufmerksamkeit auf sich zog.
Ein Vakuum zur falschen Zeit
Amann sollte Burkhard Kieker beerben, der Visit Berlin seit 2009 geführt hatte und im Sommer 2026 die gesetzliche Altersgrenze erreichte. Nach 17 Jahren an der Spitze ist die geordnete Übergabe gescheitert. Führungslos ist die Agentur operativ nicht: In der Doppelspitze verantwortet laut verbaende.com Sabine Wendt weiterhin Destinationsmanagement & Unternehmensentwicklung. Der Bereich Destinationsmarketing & Commercial, also die eigentliche Vermarktung des Standorts, ist erneut unbesetzt.
Das trifft auf eine Marktlage, die keine Pause verträgt. 2025 verbuchte die Berliner Hotellerie laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 24,3 Millionen Übernachtungen, 82,5 Prozent aller Übernachtungen der Stadt. Die Zimmerauslastung in Hotels mit mindestens 25 Zimmern lag bei 73,5 Prozent. Die Bettenauslastung sank auf 55,5 Prozent, nach 56,8 Prozent im Vorjahr und 62,7 Prozent im Jahr 2019. Die Zahl der Beherbergungsbetriebe fiel 2025 auf 732, siebzehn weniger als im Jahr davor.
Die erste Jahreshälfte 2026 verstärkt den Trend. Von Januar bis Juni zählte das Amt für Statistik 13,6 Millionen Übernachtungen, weniger als im Vorjahreszeitraum mit rund 13,9 Millionen. Die internationalen Übernachtungen sanken um 6,4 Prozent. Bei wichtigen Quellmärkten fielen die Rückgänge stärker aus: Das Vereinigte Königreich verlor 9,1 Prozent, die Niederlande 15,5 Prozent.
Was das für DACH-Betriebe heißt
Berlin ist der größte deutsche Hotelmarkt, seine Auslandsvermarktung läuft zentral über Visit Berlin. Für Hoteliers in der Stadt bedeutet das erneute Vakuum im Commercial-Bereich, dass zentrale Weichenstellungen ohne durchsetzungsfähige Spitze anlaufen: die Kampagnenplanung für 2027, die Positionierung auf schwächelnden Quellmärkten, Verhandlungen mit Airlines und Veranstaltern. Wer im Berliner Markt kalkuliert, sollte nicht darauf setzen, dass die Destinationsvermarktung kurzfristig neue Impulse gegen die Rückgänge aus UK und den Niederlanden setzt.
Über Berlin hinaus liefert der Fall eine Lehre zur Governance öffentlich getragener Tourismusgesellschaften, wie sie auch in Wien, Zürich, München oder Hamburg existieren. Ein Auswahlverfahren mit über 100 Kandidaten schützt nicht vor einem Fehlgriff, wenn belastende Vorgänge aus einer früheren Station erst nach der Berufung aufgearbeitet werden. Die Schwachstelle liegt nicht in der Zahl der Bewerber, sondern im Zeitpunkt und in der Konsequenz der Prüfung. Für Aufsichtsräte in vergleichbaren Konstruktionen heißt das: Compliance-Prüfungen gehören vor die Vertragsunterzeichnung, nicht danach.
Quellen
- ahgz – Tourismusagentur: Neuer Visit-Berlin-Chef muss schon wieder gehen
- Tagesspiegel – Berichterstattung zu Jürgen Amann und Visit Berlin
- visitBerlin – Pressemitteilungen zur Führungsstruktur und Berufung
- HOGAPAGE – Berichterstattung zum Fall Amann und Kölner Prüfung
- reisevor9 – Meldung zu Abfindung und Kölner Abrechnungen
- verbaende.com – Meldung zur Doppelspitze und Aufsichtsratswahl
- Berliner Abendblatt – dpa-Meldung zur Trennung und Aufsichtsratssitzung
- tw-media – Werdegang Jürgen Amann
- Amt für Statistik Berlin-Brandenburg – Tourismuszahlen 2024/2025 und 1. Halbjahr 2026
Quelle: Originalmeldung


