Berlin plant Ausbildungscampus für 3.000 Azubis in Tempelhof
34.000 Quadratmeter, 3.000 Ausbildungsplätze, ein Praxishotel mit 160 Zimmern: Berlin und DEHOGA haben den HOGA Campus vorgestellt – Baustart und Finanzierung sind noch ungeklärt.

34.000 Quadratmeter im Berliner Bezirk Tempelhof, Platz für mehr als 3.000 Auszubildende und Studierende, ein Ausbildungshotel mit 160 Zimmern, 200 bis 300 Wohnungen und eine Kita: Am 4. September 2026 stellten Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und DEHOGA-Hauptgeschäftsführer Gerrit Buchhorn das Konzept für den HOGA Campus vor. Träger ist die eigens gegründete Hoga Campus Berlin eG, das Grundstück stellt das Land im Erbbaurecht bereit. Ein Ausbildungsprojekt dieser Größenordnung gab es in Deutschland bislang nicht.
Was in Tempelhof entstehen soll
Der Standort liegt im Bereich Attilastraße/Röblingstraße, auf der Konversionsfläche eines früheren Hellweg-Baumarkts. Dort wächst laut entwicklungsstadt.de bereits ein neues Quartier heran, ein Teil des Areals ist nun für den Ausbildungscampus vorgesehen. Geplant sind acht Gebäude; oberirdisch soll der Komplex komplett autofrei bleiben, wie nd-aktuell.de berichtet.
Der Nutzungsmix geht über reine Ausbildung hinaus. Neben dem Ausbildungshotel mit 160 Zimmern sollen 200 bis 300 bezahlbare Wohnungen für Auszubildende entstehen, dazu eine Kita für 80 Kinder und laut entwicklungsstadt.de 500 bis 600 Arbeitsplätze. Zwei bestehende Einrichtungen ziehen an den neuen Standort: das Oberstufenzentrum (OSZ) Gastgewerbe von der Buschallee in Pankow und die bisher am Hausvogteiplatz in Mitte untergebrachte Hotelfachschule.
Gebaut wird in vier Phasen. Einen konkreten Termin für den Baubeginn nennt laut hotelvor9.de bislang niemand; nach dem Start rechnen die Beteiligten mit rund vier Jahren bis zur Gesamtfertigstellung. Buchhorn beschreibt gegenüber nd-aktuell.de die Reihenfolge: Zuerst kommen Azubi-Wohnungen und Ausbildungshotel, zuletzt OSZ und Fachschule.
Zehn Jahre Vorlauf hinter dem Foto-Termin
Der DEHOGA Berlin macht sich nach eigenen Angaben seit 2015 für das Vorhaben stark. Drei Jahre lang wurde konkret geplant, vorgestellt wurde das Konzept aber erst jetzt. Der Grund laut nd-aktuell.de: Verband und Senat wollten kein Konzept ohne konkreten Standort präsentieren.
Die Trägerkonstruktion ist für die Einordnung entscheidend. Das Projekt trägt nicht das Land, sondern die Hoga Campus Berlin eG, die der DEHOGA gemeinsam mit neun weiteren Mitgliedern gegründet hat. Das Land beschränkt sich laut berlin.de auf den geplanten Grundstückserwerb und die anschließende Bereitstellung im Erbbaurecht. Die verbreitete Formulierung, Berlin „schaffe“ den Campus, greift damit zu kurz.
Ein Vorbehalt steht bereits im Raum. Finanzstaatssekretär Wolfgang Schyrocki betonte laut entwicklungsstadt.de, zunächst müsse ein tragfähiges wirtschaftliches Konzept vorliegen und der finanzielle Beitrag des Landes haushaltsrechtlich abgesichert sein. Ein Gesamtinvestitionsvolumen nennt bislang niemand.
Lausanne als Referenz, mit einem entscheidenden Unterschied
Giffey nennt als Maßstab die Hotelschule in Lausanne. Der Campus solle eine ähnliche Reichweite und Stärke wie die dortige Business School haben, erklärte sie laut ahgz.de. Die Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) gilt als eine der weltweit führenden Hotelschulen und ist laut hotelier.de Teil der Universität für angewandte Wissenschaften der Schweiz (HES-SO).
Einen Unterschied hebt Giffey hervor: In Lausanne koste ein Studium die Eltern mehrere Zehntausend Euro, in Berlin sei die Berufsausbildung gebührenfrei, weil OSZ und Hotelfachschule staatliche Einrichtungen seien (nd-aktuell.de). Der Vergleich hat eine konzeptionelle Schwachstelle: Die EHL ist eine Elite-Hochschule mit Management-Fokus, Berlin zielt auf duale Berufsausbildung und Fachschule. Reichweite lässt sich vergleichen, das Bildungsmodell nicht.
Der Markt dahinter: Berlins Gastgewerbe in Zahlen
Giffey liefert die Begründung mit Zahlen: über 12 Millionen Gäste, mehr als 29 Millionen Übernachtungen, 8,4 Milliarden Euro Umsatz und rund 225.000 Arbeitsplätze jährlich, so der Wert des Berliner Gastgewerbes laut dehoga-berlin.de. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verfügte Berlin im Juni 2026 über 146.116 Hotel- und Herbergsbetten bei einer Auslastung von 51,4 Prozent (nd-aktuell.de).
Die Ausbildungszahlen zeigen die Dimension des Nachwuchsproblems. Ende 2025 befanden sich in Berlin 972 junge Menschen in Ausbildung zur Hotelfachfrau oder zum Hotelfachmann, 796 lernten Koch oder Köchin, 213 wurden zu Fachleuten für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie ausgebildet (nd-aktuell.de). Bundesweit fällt das Bild differenzierter aus, als die üblichen Alarmmeldungen vermuten lassen: Laut DEHOGA-Zahlenspiegel IV/2025 sank die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge in den sieben gastgewerblichen Berufen bis Ende September 2025 nur um 0,6 Prozent. Die Gesamtwirtschaft verlor 2,1 Prozent.
Was das für die Branche heißt
Für Betriebe in der DACH-Region ist die Nachricht weniger ein Berlin-Ereignis als ein Modelltest. Berlin bündelt Berufsschule, Fachschule, Praxishotel und Azubi-Wohnungen an einem Ort. Der praktische Effekt liegt bei zwei chronischen Engpässen der dualen Ausbildung: der Wohnungsfrage und der Wegezeit zwischen Betrieb und Berufsschule. Wer schon einmal versucht hat, einem Auszubildenden aus dem Umland eine bezahlbare Bleibe in der Innenstadt zu vermitteln, kennt das Problem. 200 bis 300 Wohnungen direkt am Ausbildungsort sind ein Argument im Recruiting.
Übertragbar ist das Modell nur unter Bedingungen. Es setzt eine Konversionsfläche in kommunaler Hand voraus, einen Verband mit langem Atem und ein Land, das ein Grundstück im Erbbaurecht bereitstellt. Ballungsräume wie Hamburg, München oder Wien haben die Nachfrage, aber selten die freien Flächen zu tragbaren Konditionen. Für kleinere Betriebe in ländlichen Regionen bleibt die Frage, ob ein zentraler Campus Wege eher verlängert als verkürzt. Österreich fährt ohnehin ein anderes System: Die Zillertaler Tourismusschulen etwa sind schulisch aufgebaut, nicht dual, wie hotelier.de beschreibt.
Kurzfristig ändert der Campus im Tagesgeschäft eines Hoteliers nichts: Baustart und Kosten sind offen, der finanzielle Vorbehalt des Landes steht. Wer Ausbildung als Personalstrategie ernst nimmt, sollte den Standort dennoch beobachten. Zeigt Berlin, dass Wohnraum, Praxishotel und Berufsschule an einem Ort die Abbrecherquote senken und Bewerber anziehen, entsteht ein Argument, das andere Kommunen und Verbände unter Zugzwang setzt.
Quellen
- ahgz.de – Berlin schafft Campus für Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe
- DEHOGA Berlin – HOGA Campus in Berlin-Tempelhof
- berlin.de – Presseinformation Senat zum HOGA Campus
- hotelvor9.de – Hoga Campus für Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe
- nd-aktuell.de – Ausbildungscampus für das Gastgewerbe in Tempelhof
- entwicklungsstadt.de – HOGA Campus auf früherem Hellweg-Areal
- hotelier.de – Ecole hôtelière de Lausanne und Zillertaler Tourismusschulen
- hotelgastro.ch – Hotel & Gastro formation Schweiz
Quelle: Originalmeldung


