Donnerstag, 24. September 2026
DasHotellerie
Markt & Betrieb

Krankenstand in der Hotellerie: 5,9 Prozent – psychische Fälle verdreifacht

5,9 Prozent Krankenstand meldet die AOK Rheinland/Hamburg für das rheinische Hotelgewerbe 2025. Der Anteil psychischer Erkrankungen an den Ausfalltagen hat sich in zehn Jahren verdreifacht.

Housekeeperin von hinten am Servicewagen im Hotelflur, Klemmbrett mit Zimmerliste, Frühschicht
Symbolbild · KI-generiert

5,9 Prozent Krankenstand meldet die AOK Rheinland/Hamburg für das rheinische Hotelgewerbe 2025. An einem durchschnittlichen Tag fehlten damit knapp sechs von 100 Beschäftigten krankgeschrieben. 2015 lag der Wert bei 4,6 Prozent, ein Anstieg um rund 26 Prozent in zehn Jahren.

Zwei Entwicklungen fallen auf. Gegenüber dem Vorjahr ist der Wert leicht gesunken, 2024 lag er bei 6,1 Prozent. Zugleich haben psychische Erkrankungen ihren Anteil an den Ausfalltagen mehr als verdreifacht, von 4,7 Prozent vor zehn Jahren auf 15,9 Prozent. Nicht die Krankheiten haben sich verändert, sondern die Arbeitsbedingungen, die sie auslösen.

Die Zahlen richtig lesen

Wer die AOK-Daten sauber einordnen will, muss zwei Kategorien trennen. Die Ausgangsmeldung von tophotel.de bezieht sich auf die enge Kategorie „Hotelgewerbe“ im Rheinland mit 5,9 Prozent für 2025. Daneben führt die AOK Rheinland/Hamburg eine breitere Auswertung zum gesamten „Hotel- und Gaststättengewerbe“, die 2023 bei 5,95 und 2024 mit 6,14 Prozent einen Höchstwert erreichte. Grundlage sind laut AOK die Arbeitsunfähigkeitsdaten von mehr als einer Million Versicherten im Rheinland.

2025 zeigt sich eine leichte Entspannung. Im Rheinland sank der Hotellerie-Wert laut Ausgangsmeldung von 6,1 auf 5,9 Prozent, in Nordrhein-Westfalen von 5,9 auf 5,7, bundesweit von 5,3 auf 5,2 Prozent. Ein Teil des Anstiegs der vergangenen Jahre dürfte auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurückgehen, die Ausfälle vollständiger erfasst als das frühere Papierverfahren. Die AOK selbst nennt diesen Erfassungseffekt.

Zur Einordnung nach oben: Im Einzelhandel liegt der Krankenstand bei derselben Kasse mit 7,14 Prozent höher. Wegen ihrer jungen Belegschaft, Durchschnittsalter unter 40 Jahre, fast 30 Prozent unter 30, liegt die Hotellerie traditionell unter dem Kassendurchschnitt aller Versicherten.

Der Bruch nach Corona

Wie tief der Einschnitt war, erzählt die aktuelle Meldung nicht. In den Lockdown-Jahren fiel der Krankenstand in der breiteren AOK-Kategorie „Hotel- und Gaststättengewerbe“ künstlich auf 3,83 Prozent (2020) und 3,74 Prozent (2021), gedrückt durch Kurzarbeit und Schließungen. 2014 lag er bei 4,55, 2019 bei 4,36 Prozent. Das heutige Niveau liegt also klar über der Vor-Corona-Basis.

Ein Grund für die Dauerbelastung ist die Personalabwanderung. Zwischen 2020 und 2021 verließen rund 330.000 Beschäftigte die Branche. 2022 kamen gut 224.000 zurück, überwiegend jedoch als Minijobber ohne Fachqualifikation. Die Teams sind seither dünner und weniger erfahren. Die Fallzahlen bei psychischen und Muskel-Skelett-Diagnosen stiegen laut AOK gegenüber 2019 um fast 50 Prozent. Inzwischen wird bei etwa jedem sechsten Beschäftigten im Berufsfeld eine seelische Störung diagnostiziert, vor vier Jahren war es einer von zehn. Das ist ein struktureller, kein konjunktureller Befund.

Vier Belastungstreiber ziehen den Wert nach oben

Den größten Block der Ausfalltage stellen Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 19,4 Prozent. Laut Destatis leisten 40 Prozent der Erwerbstätigen im Gastgewerbe mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit körperlich schwere Arbeit. Housekeeping, Küche und Service tragen die Hauptlast.

Der eigentliche Wachstumstreiber sind die psychischen Erkrankungen mit 15,9 Prozent der AU-Tage. Sie treffen Dienstpläne besonders hart, weil sie zu langen Ausfällen führen. Der DAK-Psychreport 2025 beziffert die durchschnittliche Dauer einer psychisch bedingten Krankschreibung branchenübergreifend über alle DAK-Versicherten für 2024 auf 32,9 Tage. Ein einzelner Fall reißt damit über einen Monat ein Loch in den Plan.

Verschärft wird das durch die personelle Enge. Laut KOFA-Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft blieben 2023 rund 42,8 Prozent der offenen Hotelstellen unbesetzt. Im Oktober 2025 dauerte es im Schnitt 161 Tage, bis eine Stelle bei der Bundesagentur für Arbeit wieder abgemeldet war. Die Next-Work-Studie zählt branchenweit 14,25 Millionen Überstunden jährlich. Jeder Ausfall landet als Mehrarbeit bei den verbliebenen Kollegen, was neue Ausfälle begünstigt.

Dazu kommt die Kostenschere. Die Arbeitskosten im Gastgewerbe stiegen laut Arbeitskostenindex des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem vierten Quartal 2019 um 39,6 Prozent, während der reale Umsatz 2025 um 2,1 Prozent zurückging. Für Ausfallreserven und Entlastung bleibt weniger Spielraum.

„Die Arbeit im Hotelgewerbe erfordert ein hohes Maß an körperlicher Belastbarkeit und emotionaler Resilienz“, sagt Michael Wenninghoff, Geschäftsführer des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF-Institut) der AOK Rheinland/Hamburg. Fachkräftemangel, Mehrarbeit und Zeitdruck wirkten sich unmittelbar auf Gesundheit und Fehlzeiten aus.

Was das im Tagesgeschäft bedeutet

Für einen DACH-Betrieb ist der Befund ein Planungsproblem. Ein psychisch bedingter Ausfall über 33 Tage lässt sich in einem ohnehin unterbesetzten Team nicht durch Umschichten auffangen. Wer keine Ausfallreserve einplant, produziert mit jedem Krankheitsfall neue Überstunden und damit die nächste Erschöpfungswelle.

Die Zahlen aus Österreich und der Schweiz zeigen, dass es kein deutsches Sonderphänomen ist. In Österreich verbrachten unselbstständig Beschäftigte 2024 im gesamtwirtschaftlichen Schnitt aller Branchen 15,1 Krankenstandstage, nach rund 13 Tagen in der Dekade vor der Pandemie. Rolf Gleißner von der Wirtschaftskammer Österreich rechnet vor, dass drei zusätzliche Krankenstandstage etwa einem Prozent des Arbeitsvolumens entsprechen, genug, um über Wachstum oder Rezession zu entscheiden.

Konkret heißt das für Betreiber: Dienstpläne mit realistischem Puffer statt auf Kante, Belastungsspitzen im Housekeeping und in der Küche gezielt entzerren, beim Thema mentale Gesundheit nicht auf den Ernstfall warten. Die AOK verweist auf Angebote zu Stressmanagement, Ernährung und Rückengesundheit. Thomas Bott, Regionaldirektor der AOK Hamburg, betont in einer früheren AOK-Pressemeldung zum gesamten Hotel- und Gaststättengewerbe (04.08.2025), wie wichtig es sei, „das Thema mentale Gesundheit in den Betrieben und in der Versorgung stärker in den Fokus zu nehmen“. Wer die vier Treiber Körper, Psyche, Personalenge und Kostendruck getrennt betrachtet, kann an jedem einzeln ansetzen, statt pauschal über hohe Fehlzeiten zu klagen.

Quellen

Beiträge aus der Redaktion von das Hotellerie.