Donnerstag, 24. September 2026
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Lerch Genusswelten übernehmen 163 Zimmer in Lindau

Ab Herbst 2026 führt die Familiengruppe Lerch Genusswelten den Bayerischen Hof (101 Zimmer) und das Reutemann-Seegarten (62 Zimmer) in Lindau. Verkäufer Robert Stolze gibt die Häuser ohne interne Nachfolge ab.

Zum Wechsel August/September 2026 übernimmt die Hotelgruppe Lerch Genusswelten den Bayerischen Hof (101 Zimmer, fünf Sterne) und das Hotel Reutemann-Seegarten (62 Zimmer, vier Sterne) in Lindau am Bodensee. Verkäufer ist Robert Stolze, der die Häuser im Zuge einer Nachfolgeregelung abgibt. Alle Mitarbeitenden bleiben an Bord.

Der Fall zeigt, wie Konsolidierung im inhabergeführten Hotelmarkt konkret abläuft: Ein Familienbetrieb ohne interne Nachfolge geht an eine andere Familiengruppe, die gezielt bestehende Häuser aufkauft, statt neu zu bauen.

Was übernommen wurde und wer übernimmt

Der Bayerische Hof am Bahnhofplatz zählt laut Reiseveranstalter-Angaben 199 Betten und stammt im Kern aus dem Baujahr 1854. Das Nachbarhaus Reutemann-Seegarten ergänzt das Portfolio um 62 Zimmer der Viersterne-Kategorie. Zusammen kommen die Lerch Genusswelten damit auf 163 zusätzliche Zimmer in Seelage, wie tophotel.de und hotelvor9.de berichten.

Die neuen Betreiber kündigen Investitionen im Wellnessbereich an. Sauna, Dampfbad und Poolbereiche sollen renoviert und modernisiert werden. Eine Investitionssumme oder die Struktur des Deals, Kauf oder Pacht, wurde nicht veröffentlicht. Sämtliche Mitarbeitenden werden übernommen. Das bestätigen tophotel.de, hotelvor9.de und tageskarte.io übereinstimmend.

Thomas und Angela Lerch führen die Lerch Genusswelten seit 1987. Vor den beiden Lindauer Häusern umfasste das Portfolio laut tageskarte.io acht Unternehmen mit über 439 Zimmereinheiten und rund 600 Mitarbeitenden. Den Jahresumsatz beziffert gastronomie-report.de auf rund 30 Millionen Euro. Für die neuen Standorte übernehmen Thomas Lerch und der kaufmännische Geschäftsführer Philipp Zwicker die Leitung.

„Die Übernahme ist eine außergewöhnliche Chance für mich und unsere gesamte Familie“, sagt Thomas Lerch laut tophotel.de. Ziel sei es, die Geschichte der beiden Häuser fortzuführen und sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden weiterzuentwickeln.

Fünf Generationen, ein Ausstieg

Der Bayerische Hof ist seit 1854 im Besitz der Familie Stolze-Spaeth und wurde über fünf Generationen geführt, wie das Tourismusportal lindau.de dokumentiert. Georg Wilhelm Spaeth ließ das Haus gegenüber dem damals neuen Hauptbahnhof errichten. 1921 kam das Hotel Seegarten hinzu, 1929 das Reutemann. Robert Stolze übernahm die Leitung 1998 von seinem Vater, wie schwaebische.de berichtet.

Der Verkäufer ist kein beliebiger Hotelier. Robert Stolze sitzt selbst im Vorstand des Hotelverbands Deutschland (IHA), dem Branchenverband der Hotellerie, und zwar als 2. stellvertretender Vorsitzender. Dass ein Verbandsfunktionär mit über 170 Jahren Familiengeschichte im Rücken ohne interne Nachfolge verkauft, zeigt: Die Nachfolgefrage trifft auch die prominenten, traditionsreichen Häuser.

Die Käuferseite hat aus solchen Situationen ein Geschäftsmodell gemacht. Lerch startete 2003 mit dem Parkhotel Jordanbad in Biberach. Ab 2012 folgten das Panoramahotel Oberjoch, das Hotel Das Weitblick in Marktoberdorf und 2021 das Hotel Sommer in Füssen, Letzteres nach langjähriger Führung durch die Familie Sommer, wie das Haus auf seiner Website schreibt. 2023 kam der Fünf-Sterne-Campingplatz Brunnen dazu, 2026 der Gastronomiebetrieb „Die Villa“ in Biberach.

Wachstum durch Nachfolge statt durch Neubau

Lerch wächst durch Zukäufe bestehender, häufig familiengeführter Betriebe aus Nachfolgesituationen, nicht durch Neubau und nicht unter Fremdmarke. Die Führung bleibt familiär organisiert. Neben Thomas und Angela Lerch verantworten Tochter Julia Zwicker und Schwiegersohn Philipp Zwicker einzelne Häuser, wie gastronomie-report.de beschreibt.

Was das für die Branche heißt: Der IHA warnt in seinem aktuellen Report vor einer „preisgetriebenen Konsolidierung“, ausgelöst durch sinkende Netto-Zimmerpreise, gedrückte RevPARs (Ertrag pro verfügbarem Zimmer), indexierte Mietverträge und hohe Kosten. Die Unternehmensinsolvenzen im klassischen Beherbergungsgewerbe lagen laut IHA zuletzt 40,1 Prozent über dem Vorkrisenniveau. Beobachter wie hotelinside.ch sehen ohne strukturelle Reformen „eine schleichende Marktbereinigung zulasten inhabergeführter Betriebe“.

Für den einzelnen Betrieb heißt das zweierlei. Wer keine gesicherte Nachfolge in der Familie hat, sollte den Verkauf früh planen, statt ihn an ein finanzielles Problem oder das eigene Alter zu koppeln. Stolze verkauft aus einer intakten, renommierten Position heraus. Das ist die günstigste Ausgangslage für einen ordentlichen Preis und den Erhalt der Belegschaft. Wer selbst wachsen will, findet in Nachfolgesituationen die derzeit realistischste Expansionsquelle: bestehende Häuser mit eingespieltem Team und lokaler Marke, ohne Baurisiko und ohne die Genehmigungsschleifen eines Neubaus. Dass Lerch die komplette Belegschaft übernimmt und die Marke der beiden Häuser fortführt, gehört zum Kaufwert. Diese Kontinuität macht solche Übernahmen im inhabergeführten Segment überhaupt funktionsfähig.

Für die Bodensee-Region verschiebt sich damit ein weiteres Stück Angebot von der Einzelinhaberschaft in eine überregionale Gruppenstruktur. Am Tresen und im Spa der beiden Lindauer Häuser wird davon zunächst wenig zu spüren sein. Auf der Eigentümerkarte des DACH-Marktes markiert der Deal einen weiteren Punkt in dieselbe Richtung.

Quellen

Beiträge aus der Redaktion von das Hotellerie.