120,5 Mio. Euro Forderung: Grandmet und VZB vor Gericht
120,5 Millionen Euro Schadenersatz, ein Amsterdamer Gericht und zwei gegensätzliche Darstellungen: Der Streit zwischen Grand Metropolitan Hotels und dem VZB eskaliert.

120,5 Millionen Euro Schadenersatz fordert die Grand Metropolitan Hotels Holding B.V. vom Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB). Das Verfahren läuft vor der Ondernemingskamer, der auf Unternehmensrecht spezialisierten Kammer des Amsterdamer Gerichts. Ein Urteil wird für Mitte Juli 2026 erwartet. Am selben 16. Juli 2026 kursiert eine Meldung, wonach umgekehrt Grand Metropolitan die Trennung vom VZB-Joint-Venture „forciere“. Beide Darstellungen passen nicht zusammen.
Zwei Versionen einer Trennung
Die ahgz-Meldung trägt die Zeile „Grand Metropolitan Hotels forciert Trennung vom VZB-Joint-Venture“, gezeichnet von Holger Zwink. Wortgleich, nur auf Englisch, taucht die Nachricht am gleichen Tag als PR-Meldung über einen Aggregator auf: „Grand Metropolitan Hotels Initiates Separation from VZB Joint Venture and Focuses on Operational Growth“. Die Formulierung stellt den Hotelbetreiber als treibende Partei dar, die sich aus einer Verbindung löst und auf operatives Wachstum konzentriert.
Die gerichtlich dokumentierte Konstellation liest sich anders. Nach übereinstimmender Berichterstattung mehrerer Medien hat das VZB die Grandmet-Holding in Amsterdam vor Gericht gebracht, während Grand Metropolitan in diesem Verfahren die Millionenforderung stellt. Laut HospitalityInside hat das Versorgungswerk die Grandmet-Holding in Amsterdam vor Gericht gebracht. Die WirtschaftsWoche ordnet das Verfahren einem Investment des VZB in die 2022 gegründete niederländische Gesellschaft zu, deren Präsident Martin Smura ist.
Was belegt ist, was nur behauptet wird
Die konkrete Richtung – Grand Metropolitan trennt sich vom VZB – stützt sich bislang allein auf die PR-Aggregatorquelle und die ahgz-Titelzeile. Eine unabhängige zweite redaktionelle Bestätigung dieser Lesart liegt nicht vor.
Belegt durch mehrere voneinander unabhängige Quellen ist dagegen der Konflikt selbst. Die niederländische Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad berichtete im Mai 2026 über das Verfahren vor der Ondernemingskamer und über ein VZB-Investment von rund elf Millionen Euro in Grandmet unter der früheren Leitung des Werks. Die Höhe der Beteiligung wird uneinheitlich angegeben: IPE nennt 21,5 Prozent, die WirtschaftsWoche spricht von „etwa 25 Prozent“. Auf die Schadenersatzforderung reagierte das Versorgungswerk scharf. „Die Vorwürfe sind unbegründet und geradezu absurd“, teilte das VZB laut IPE mit. Ein verbindliches Kaufangebot für die Fleesensee Holding habe die heutige Geschäftsführung nie erhalten, und der wirtschaftliche Erfolg der Sanierung sei nie verlässlich absehbar gewesen.
Der Milliardenschaden hinter dem Streit
Das VZB verwaltet nach eigenen Angaben rund zwei Milliarden Euro für die Altersvorsorge von etwa 10.000 Mitgliedern aus Berlin, Brandenburg und Bremen. Rund eine Milliarde Euro und damit etwa die Hälfte des Anlagevermögens ist verloren; das Handelsblatt spricht von einem Schaden von mindestens rund 1,2 Milliarden Euro und von einem der größten bekannten Verluste in einem berufsständischen Versorgungswerk.
Die Anlagestrategie setzte stark auf Hotels und Ferienanlagen, dazu kamen Beteiligungen an Start-ups, darunter der digitale Versicherer Element und eine Garnelenzucht. Insolvenzen einzelner Beteiligungen führten laut portfolio institutionell unter Berufung auf Bloomberg zu Verlusten von 274 Millionen Euro. Abschreibungen auf die zwölf größten Beteiligungen summierten sich auf 791 Millionen Euro. Ein Luxushotel auf Ibiza wurde nach Angaben des private-banking-magazin binnen eines Jahres um 64,7 Millionen Euro abgewertet, von 138 auf 78 Millionen Euro. Zum Hotelbestand des Werks zählen mittelbar Fleesensee, ein Haus in Boltenhagen, je eines auf Sylt, Ibiza, in Sardinien und im schottischen Roxborough sowie eines in New York.
Seit dem Frühjahr 2025, als der Skandal öffentlich wurde, haben neue Funktionäre die VZB-Gremien übernommen und die Aufarbeitung vorangetrieben. Das Werk klagt inzwischen breit: Beim Landgericht Berlin II ging laut den Recherchen eine über 2.000 Seiten umfassende Schadenersatzklage gegen zwölf Beklagte ein, darunter das Land Berlin als Aufsicht, der Wirtschaftsprüfer Forvis Mazars, die apoBank und der frühere Verwaltungsausschuss-Vorsitzende Ingo Rellermeier. Den langjährigen Direktor Ralf Wohltmann hatte das VZB zuvor arbeitsgerichtlich auf vorerst 50 Millionen Euro verklagt.
Wie das Konstrukt entstand
Die Verflechtung reicht in die Vor-Grandmet-Zeit zurück. 2019 trat das VZB als Mitgesellschafter und strategischer Partner der Betreibergesellschaft 12.18. auf, Rellermeier saß in deren Beirat. Martin Smura, heute Grandmet-Präsident, begann seine Laufbahn als Kochlehrling und stieg bis zum Chef der Kempinski-Gruppe auf, bevor er die Holding gründete. Auffällig bleibt die Eigenkapital-Historie: Laut WirtschaftsWoche verfügte Grandmet bei Gründung über ein Eigenkapital von einem Euro, das laut Registerauszug schrittweise auf gut 200 Millionen Euro erhöht wurde. Im Zentrum der Forderung steht der Streit um Fleesensee, wo seit der Therme-Schließung 2022 die Auslastung fehlt.
Was das für die Branche heißt
Für Hoteliers und Eigentümer im DACH-Raum liegt der Lerneffekt weniger im Skandal als in der Mechanik der Kommunikation. Wenn eine gerichtlich eskalierte Auseinandersetzung als geordnete strategische Neuausrichtung erscheint, verschiebt sich die Wahrnehmung, bevor ein Urteil vorliegt. Wer Managementverträge, Betreibermodelle oder Beteiligungen mit institutionellen Partnern eingeht, prüft solche PR-Signale gegen Registerdaten, Gerichtsakten und unabhängige Berichterstattung, statt sie zu übernehmen.
Praktisch heißt das: Bei Verhandlungen mit Versorgungswerken oder anderen institutionellen Investoren gehören Exit-Klauseln, Bewertungsmethoden und Kündigungsrechte auf den Tisch, bevor unterschrieben wird. Der Fall zeigt, wie schnell abgewertete Buchwerte, gekündigte Managementverträge und Schadenersatzforderungen zu einem Geflecht werden, das jahrelange Gerichtsverfahren nach sich zieht. Institutionelle Hotelpartnerschaften galten lange als sichere Bank für langfristige Verträge und stabile Eigentümer. Diese Annahme trägt nicht automatisch. Wer sein Haus an eine solche Struktur bindet, prüft die Kapitalbasis des Partners genauso sorgfältig wie die eigene Auslastung.
Quellen
- ahgz – Grand Metropolitan Hotels forciert Trennung vom VZB-Joint-Venture
- IPE – Grand Metropolitan seeks damages from VZB
- Tagesspiegel – Schadenersatzforderung gegen das Versorgungswerk
- HospitalityInside – VZB bringt Grandmet in Amsterdam vor Gericht
- WirtschaftsWoche – Grand Metropolitan Hotels Holding und das VZB-Investment
- Het Financieele Dagblad – Verfahren vor der Ondernemingskamer
- Handelsblatt – Milliardenschaden beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin
- portfolio institutionell – Verluste und Abschreibungen des VZB (nach Bloomberg)
- private-banking-magazin – Abwertung der VZB-Hotelbeteiligungen
- Business News This Week – Grand Metropolitan Hotels Initiates Separation from VZB Joint Venture


